Brigitte Kowanz


Peter Weibel über Brigitte Kowanz:

Im Zentrum der Arbeit von Brigitte Kowanz steht das Medium Licht. Während Künstler wie Bruce Nauman außer mit Licht auch im Bereich der Body-Performance, der Skulptur oder der Installation arbeiten, ist Licht das wiederkehrende Motiv, das ihre Arbeit bestimmt. Sie ist sich der Quellen, aus denen sich die Lichtkunst speist, bewusst. Mit ihrer Kunst leistet sie wichtige Beiträge zu der Erkenntnis, dass Licht auch als Sprache verwendet werden kann. Die Sprache des Lichts ist ihre Kunst.

Der Weg von der Darstellung des Lichts zur Gestaltung des Lichts beziehungsweise zur Gestaltung von Räumen mit Licht war wesentlich von der Architektur bestimmt. Dies ist die eigentliche Quelle der Lichtkunst von Brigitte Kowanz. Sie gestaltet mit Licht Räume. Ihre Werke stellen Licht nicht dar, projizieren Licht nicht, sondern emittieren Licht. Ihre Lichtobjekte generieren Licht und gestalten Räume.

Was die Linien, Flächen, Farben für das Gemälde bedeuten, ist bei Kowanz die Summe des Lichts für den Raum. Die Arbeiten von Kowanz zelebrieren die architektonische und theatralische Verwendung des Lichts. Im Bewusstsein, dass die Werbung im urbanen Leben eine entscheidende Rolle spielt, nimmt sie die historischen Effekte und Matrizen der Lichtwerbung auf und transferiert sie in künstlerische Räume. Lichtobjekte, Lichtfassaden verteilen das Licht im Raum, wie Musiker davon träumen, den Klang im Raum zu verteilen. Kowanz schafft eine Architektur des Lichts. Sie verlässt also entschieden das Gebiet der Malerei und deren Definitionen von Farbe und Licht.

Ein entscheidender Aspekt ihrer Lichtkunst ist der Gebrauch von Sprache, der aus der Erfahrung urbaner Räume und der Kenntnis der Konzeptkunst stammt. Brigitte Kowanz entwickelt die Sprache des Lichts. Mithilfe des Lichts formuliert sie Botschaften und Bilder und gestaltet ebenso Räume. Sie schafft mithilfe von Spiegeln virtuelle Räume des Lichts. Sie setzt das Licht ein zur optischen Täuschung wie zur Erkenntnis. Wahrnehmungsprozesse werden bei ihr daher Erkenntnisprozesse. Das macht sie zu einer Sprachkünstlerin des Lichts. Sie offenbart das Licht der Sprache, indem sie die Sprache des Lichts entwickelt. 
Brigitte Kowanz studierte von 1975 bis 1980 an der Hochschule für angewandte Kunst Wien. Seit 1997 ist sie Professorin an der Universität für angewandte Kunst Wien. Sie lebt und arbeitet in Wien.



Sibylle Fritsch über Brigitte Kowanz. Salzburger Nachrichten vom 13.04.2017
Licht, Raum und Kommunikation begleiten unser Leben existenziell. So lautet das Credo der Brigitte Kowanz. Diese Komponenten zueinander in Spannung zu setzen und neue Erfahrungen und Empfindungen von Architektur zu eröffnen, sind Bestandteil ihres Werkes.

Die Künstlerin, die bereits 1984 mit Franz Graf bei der Aperto der Biennale Venedig vertreten war, leitet seit 1997 die Klasse Transmediale Kunst an der Wiener Hochschule für angewandte Kunst. Sie hat mit ihren Lichtarbeiten selbst im Crossover mit Malerei, Architektur, Skulptur und Sprache experimentiert. Und sie leistete ihren individuellen österreichischen Beitrag zu einer internationalen Tendenz der Kunst des 20. Jahrhunderts - dem "Ausstieg aus dem Bild".

Während die Wiener Aktionisten den bewegten Körper als Leinwand benutzten, verzichtet Kowanz zwanzig Jahre später auf die barocke Expressivität der Bildstürmer. Im Gegenteil. Sie bewegt sich im Körperlosen, löst die Leinwand auf, ersetzt Farbe durch - meist weißes - Licht und den Bilderrahmen durch Raum. Sie verbindet beides mit dem Wort, mit Zeichen, Zahlen und Codes wie etwa dem Morsealphabet - der ersten virtuellen Datenübermittlung - und dem Bestreben um simulierte Unendlichkeit. Peter Weibel vergleicht ihre Lichtkonzepte im Biennale-Katalog sogar mit den Sternen, dem ersten Navigationssystem der Seefahrer: "Die Künstlerin verwendet Buchstaben und Texte als Navigationssysteme. Durch den Einsatz von Spiegeln gibt sie diesen textuellen Navigationssystemen die Unendlichkeit der Sternenräume zurück. Sie baut gewissermaßen Leitern aus Licht ins Unendliche beziehungsweise verwendet das Licht als metaphorische Leiter, als Himmelsleiter."

Transzendenz ist es, was der Künstlerin mit ihrer Sprache des Lichts immer wieder gelingt und was sich sicher auch mit ihren Biennale-Installationen anstrebt: den Betrachter aus dem Tageslicht in eine künstliche Lichtwelt zu entführen, ihn zu konfrontieren mit dem Virtuellen, Immateriellen, Entgrenzten, mit gespiegelten, scheinbar aufgebrochenen Räumen, sodass er sich in der Spiegelung selbst als Teil des Kunstwerks erlebt. Für Brigitte Kowanz ist das Changieren zwischen unendlicher Virtualität und begrenzter Realität die existenzielle Erfahrung des 21. Jahrhunderts. "Mit dem Internet und der nachfolgenden Globalisierung hat sich unsere Welt komplett verändert. Es ist für uns selbstverständlich geworden, dass wir uns gleichzeitig im virtuellen Netzraum und in der Realität bewegen."

> Im Arthotel Blaue Gans